Archiv des Autors: Sandra Roski

Berliner Wohnen

Um nichts ist der Großstädter mehr zu beneiden als um die Ruhe und Abgeschiedenheit seines Aufenthaltes, die ihm sein Wohnen zur Labsal gedeihen lassen. Vorausgesetzt er wohnt am Stadtrand in bevorzugter Wohnlage mit Waldesblick und eigenem Anlegesteg vor der Haustür. Wohne ich aber nicht.

Vielmehr liegt mein Aufenthalt im Herzen der Stadt, oder sagen wir mal in der Niere, denn das Herz schlägt woanders, und nebenan, in Wurfnähe liegt der Flugplatz. Theoretisch könnte ich jederzeit meinen Seesack schultern und mit ein zwei beherzten Schritten stünde ich bereits auf der Gangway. Praktisch bleibt der Seesack jedoch weitgehend ungeschultert, denn ich vertrage das Fliegen nicht. Deswegen will ich das nun allerdings niemandem madig machen, weder das Fliegen als solches noch den Flugplatz mitten in der Stadt, denn beides ist für den Geschäftsmann eminent wichtig, und der Geschäftsmann gestaltet letztlich unsere Wirtschaft, er schafft Arbeitsplätze, auch und insbesondere im Flugbereich. Wenn man bedenkt, was schon allein an Müll weggeschafft werden muß, den der Geschäftsmann auf seinen Plastiktellern in der Maschine zurückläßt! Dafür braucht man hochbezalhte Spezialisten, die dann wiederum Steuern und Sozialabgaben zahlen und somit unsere Renten sichern. Meine allerdings nicht, denn ich habe keinen Anspruch. Und so bleibt mir von dem mitten in der Stadt gelegenen Flugplatz nichts als der Lärm.

Und der ist nicht von Pappe: die Maschinen fliegen mir quasi direkt durch die Wohnküche, und zwar immer in eine Richtung, von oben nach unten, merkwürdig. Man sagt zwar: Runter kommen sie immer, aber irgendwann müssen sie doch auch hochkommen! Doch offenbar nicht durch meine Küche. Vielleicht hängt die Flugrichtung ja mit dem Wetter zusammen oder mit dem Golfstrom, na wie auch immer: ich vertrage das Fliegen nicht.

Den Lärm allerdings auch nicht. Nun haben sie uns ja schon sogenannte Schallschutzfenster eingebaut, das müssen sie, wegen der Rechtsprechung und das wollen sie auch und da sind sie auch nicht kleinlich. Wahrscheinlich schlucken die auch den Schall, aber nur wenn sie zu sind. Und das sind sie in den seltensten Fällen. Ich wohne nämlich nach Süden raus, was einerseits sehr schön ist, denn ein bißchen Sonne hat noch niemandem geschadet. Im Sommer aber knallt sie mir dermaßen auf die Scheiben, daß ich im Handumdrehen eine Innentemperatur von vierundsechzig Grad habe. Die läßt sich auch nicht regeln, denn eine Klimaanlage haben sie mir nicht eingebaut, hätt ich auch gar nicht gewollt, die vertrage ich nämlich auch nicht.

Der Lärm  ist nun allerdings kein saisongebundenes sommerliches Phänomen, im Gegenteil: im Winter ist es keineswegs leiser. Bei uns ist nämlich die Heizung in der Miete inbegriffen. Das bedeutet ich schalte sie nie ab, denn was ich nicht verheize, das kriegen die anderen noch dazu, und warum sollen es die Nachbarn wärmer haben, nicht einzusehen. Also wird die Heizung voll aufgedreht und so gelassen, ohne Rücksicht auf Verluste. Und was habe ich folglich in meiner Wohnung? Schon wieder vierundsechzig Grad und das im Winter. Also Fenster aufgerissen, Luft rein, Frische und gratis noch dazu den Lärm. Die andern machen es natürlich genauso, sind ja auch nicht von gestern und schenken anderen die mitbezahlte Heizenergie, reißen dann also auch kurz vor dem Erstickungstod die Fenster auf. Das gleicht überdies noch einen ebenso eklatanten wie immanenten Nachteil der Schallschluckfenster aus. Durch die ist man nämlich völlig abgeschottet, wie in Watte gepackt und verpaßt das eigentliche Leben. Aber bei offenen Fenstern ist sofort alles wieder völlig normal und man kriegt mit, was in der Welt abgeht.

Irgendwo in der Gegend singt zum Beispiel einer den ganzen Tag, ich weiß auch genau wo er singt: in einem nahegelegenen Park, der etwas tiefer liegt, wie ein Manta, umgeben von begrünten Mauern Dort herrscht eine Bombenakustik, wie in der Badewanne, es bietet sich an dort zu singen. Und der Mann, obwohl vermutlich Stadtstreicher, hat eine Stimme wie ein junger Gott, ein strahlender Tenor, Pavarotti ist eine klanglose Müllschippe dagegen. Aber den ganzen Tag bei geöffnetem Fenster Pavarotti hören könnt ich nun auch nicht, hinzu kommt, daß unser Sänger kein sehr variables Repertoire besitzt, er bleibt den ganzen Tag bei O Sole Mio hängen, das mögen wir denn doch nicht so, ich und die Nachbarn. Und schon geht das Gebrüll los: Ruhe! Aufhören! Polizei! Und dadurch steigt nun wieder der Lärmpegel, denn wer die Ruhe will, der schreit am lautesten, so schaukelt sich die Phonzahl hoch, bis dann ein Flugzeug kommt und über alle anderen Geräusche den gnädigen Mantel des Turboprops breitet. Hier zeigt sich wieder einmal die Überlegenheit der Technik gegenüber der menschlichen Natur. Soviel zu offenen Fenstern.

Doch selbst wenn die Fenster zu sind, ist noch nichts gebessert. Ich wohne, das hat man vielleicht schon herausgefunden, in einem modernisierten Altbau. Modernisiert, das heißt, man hat in den sechziger Jahren nachträglich Naßzellen eingebaut, denn ursprünglich gab es ja nur das Außenklo auf der halben Treppe, jeweils für vier Mietparteien, war auch eine Art von Kommunikationszentrum, aber dann irgendwann doch nicht mehr zeitgemäß. Bei der Modernisierung ist man dann allerdings etwas willkürlich, um nicht zu sagen planlos vorgegangen, vielleicht ging es ja auch nicht anders: jedenfalls mein Obermieter hat seine Naßzelle direkt über meinem Küchentisch.

Und sein Fallrohr geht praktisch mitten durch mich durch, also jetzt mal verbrämt gesprochen: man sieht es nicht, es verläuft irgendwo hinter der Wand, aber es ist trotzdem allgegenwärtig, wie der große Bruder. Und wenn der jetzt aufs Klo geht, nicht der große Bruder, sondern mein Obermieter, wenn der aufs Klo geht und spült, – nun haben die ja damals bei der sogenannten Modernisierung das Billigste eingebaut, was auf dem Markt war, so eine Art Overhead-Spülbecken mit einer Zugkette dran – ja, also wenn der Junge von oben dann richtig abzieht, dann rauscht das in meiner Wand, daß ich glaube, der fliegt gleich mitsamt seiner Schüssel auf meinen Küchentisch. Keine schöne Vorstellung.

Aber damit nicht genug, so eine herzhafte Spülung hat auch noch einen gewissen Ansteckungswert, ähnlich wie der erste Huster im Konzertsaal, kurzum: jedesmal, wenn der oben zieht, muß ich spontan aufs Klo. Was das an Zeit kostet, und an Nerven und an Papier…Und dieser Lärm!

Nun denkt man ja am Wochenende, also speziell am Sonntag, da wird es etwas ruhiger, da ist der Flugverkehr geringer, weil der Geschäftsmann sich im Kreise seiner Lieben regeneriert, da ist der Obermieter noch so breit, daß er vergißt aufs Klo zu gehen, da hat der stadtstreichende Tenor sich endlich heiser geknödelt, da endlich is a Ruh und man kann mal so richtig nach Herzenslust ausschlafen. Und dann morgens um zehn, wenn man gerade richtig eingeschlafen ist, bricht plötzlich das Lärmchaos über mich herein. Nebenan steht nämlich eine Kirche, die sich die ganze Woche unauffällig verhält und erst am Sonntag ihre fiese Fratze zeigt, in Form von unerträglich lautem Läuten ihrer Glocken. Warum tun sie das? Um den Pfarrer zu wecken? Bruder Jakob, schläfst du noch? Hörst du nicht die Glocken? O doch, ich höre sie und das bringt mich auf. Ich habe dieses Läuten nicht bestellt, ich zahle keine Kirchensteuer, glaube nicht an die unbefleckte Empfängnis und habe folglich keinen Grund, diesen Glockenlärm auszubaden. Früher, ich meine ganz früher, da hatte dieses Läuten ja noch eine echte Funktion, man wollte damit die Schafe von den Feldern in die Kirche locken, damit sie sich anhörten, was der Hirte ihnen zu verkünden hatte. Die wußten ja damals noch nicht, wann es Zeit war, denn sie hatten keine Digitaluhren, eigentlich überhaupt keine Uhren, höchstens so eine Sanduhr in der Küche, damit die Bäuerin wußte, wann ihres Bauern Eier hart genug waren. Aber das ist alles lange her und so eine Sanduhr macht auch keinen Lärm. Es muß schön ruhig gewesen sein, damals auf dem Lande.

Aber heute? Wenn man sich denkt: spann doch mal richtig aus, fahr einfach weg von all dem Krach, mach Urlaub auf dem Bauernhof. Da hörst du morgens nur die Vöglein zwitschern, melodisch kräht der Hahn zur rechten zeit, dazwischen klingt nur das sonore Grunzen einer Sau… Doch weit gefehlt. Statt Vogelstimmen und Hahnenschrei hörst du den Bauern morgens seinen Mähdrescher anwerfen und über die Felder brettern, die Melkmaschine verursacht einen derartigen Radau, daß er selbst die Schmerzensschreie der Kühe übertönt und so geht das den ganzen Tag weiter. Und sollte es so etwas wie eine Mittagsruhe geben, so arbeitet zu dieser Zeit mit Sicherheit ein Hobbybastler an seiner Kreissäge.

Ja es ist schwer, ein wenig Ruhe zu finden heutzutage. Doch früher kann es nicht viel besser gewesen sein. Ich erinnere mich der Worte eines greisen Philosophen aus der Antike. Der wurde gefragt, wie er es denn angestellt habe, so unglaublich alt zu werden und er erwiderte:

„Ich kann nicht sterben, es ist mir zu laut!“