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Detektiv Hase und der Fall der verschwundenen Einlegesohle

Detektiv Hase stand vor dem Billardtisch und stocherte lustlos mit seinem Queue in der blauen Kreide herum. Sein Partner, Schluckspecht Ede, ließ ihm wieder mal keine Chance. Er machte gerade seinen 68. Stoß in Serie.
„Da schläft einem ja der Stock in der Kreide ein!“ maulte Hase und bestellte beim Wirt ein Glas Vermouth und ein Solei.
„Aber steinhart!“ fügte er wütend hinzu.
Dann starrte er wieder auf das grüne Tuch, auf dem Ede verbissen Karambolagen provozierte, und dachte über den Fall der verschwundenen Einlegesohle nach.
„Ich geh erstmal pissen“ grunzte Ede barsch, aber Hase war ganz in Gedanken versunken. Ohne Edes Abwesenheit überhaupt zu bemerken, griff er zerstreut nach einer weißen Kugel und versuchte, sie am Rand des Tisches aufzuklopfen.
„Wirklich steinhart, dies Solei“, murmelt er bewundernd.
Dann fragte er den Wirt Gustav: „Kann ich mal kurz das Telefon benutzen?“ „Klar, aber vorsichtig, sie haben es heute früh frisch lackiert.“
Hase dachte sich eine Nummer aus und wählte, ohne hinzusehen. Aus dem Billardzimmer vernahm man wieder das einförmige Klicken der Kugeln und dann einen deftigen Fluch.
„Welche Arschgeige hat mir ein Solei auf den Billardtisch gelegt?“ wütete Ede ganz außer sich.
„Hase komm her und sie dir diese Sauerei an“. Hase schmetterte den Hörer auf die Gabel. Er hatte keinen Anschluss bekommen – das bestätigte seine Theorie.
Er schlenderte lässig zum Billardtisch zurück und sagte sanft: „Ede, zieh doch bitte mal die Schuhe aus.“
„Wieso?“ fragte Ede aggressiv.
„Ich würde gerne mal einen Blick reinwerfen.“ fuhr Hase friedlich fort.
„In meine Schuhe hast du gar nichts zu werfen“ muckte Ede auf.
„Los jetzt!“ polterte Hase. „Schluss mit den Mätzchen – raus aus den Schuhen!“
Eingeschüchtert zerrte Ede an seinen verschlissenen Schuhbändern. „Sie gehen nicht auf!“
„Sollen wir unserem Baby behilflich sein?“ flötete Hase honigsüß.
„Das werden wir gleich haben“ verkündete eine sonore Stimme hinter ihnen. Ede fuhr herum. Hinter ihm stand Gustav – das Fleischmesser in der nervigen Rechten.
„Nein bitte nicht“, stammelte Ede, „ich schaffs schon allein!“
Im Nu waren die Bänder aufgezurrt, und beide Schuhe standen frei. Dunst stieg auf und die Scheiben beschlugen. Aber darauf kam es jetzt nicht an.
Hase zerrte mit steinerner Miene die Einlegesohlen heraus und hielt sie Gustav direkt unter die Nase.
„Ich frage dich, Gustav, sind sie das? Sind das deine Sohlen, die du seit gestern vermisst?“
Gustav atmete schwer. „Hundert pro, der Geruch ist einmalig!“
„Woher weißt du das so genau“, versuchte sich Ede aus der Affäre zu ziehen.
„Woher ich das weiß? Weil kein einziger in der Stadt vor dem Schlafengehen seine Schuhsohlen paniert!“
Betreten starrte Ede auf die Löcher in seinen Socken. Sein Atem ging schnell. „Ich konnte nicht anders. Als ich sie sah – in goldgelbem Semmelmehl. So etwas gab es bei uns nicht. Meine Vater war nur ein armer Angestellter….“
„Schluss jetzt mit dem Theater!“ brüllte Hase. „Die Sache ist klar und du kennst die Strafe!“
„Nein – nicht schon wieder!!!“
„Es gibt kein Pardon, dreimal täglich Gustavs Gulaschsuppe. Und ich will leere Teller sehen!“
Er schlurfte behaglich zurück in den Billardsalon und schaute versonnen zurück zu Gustav, der hinter dem Tresen Gläser polierte.
Warum hatte der alte Fuchs seine Einlegesohlen paniert? fragte er sich und biss beherzt in eine liegengebliebene Billardkugel.